Die Fohlen, die Brücke und die Highland-Rinder

Wir sind heute routinemäßig zu unseren beiden Fohlen gefahren, denn sonntags dürfen wir den Stall richten, füttern und die Koppel abmisten. War ziemlich schnell erledigt, deshalb haben wir uns trotz fortgeschrittener Tageszeit für einen kleinen Ausflug entlang dem Fluss bis zu einer Weide mit ein paar Highland-Rindern entschieden.

Unsere beiden Jungs waren noch nie im angrenzenden Dorf unterwegs. Und wir waren uns auch nicht so wirklich sicher, wie die beiden reagieren werden, wenn alles so anders aussieht als auf der Weide. Aber – wer nix wagt, gewinnt auch nix.

Klingt ein wenig vermessen, wenn ich jetzt so einfach behaupte, wir hätten es gewusst. Sagen wir mal so, wir haben es gehofft und die Hoffnung wurde Realität. Keine Mucken, keine Schrecker, kein Festeisen. Nur die etwas erhöhte Aufmerksamkeit war den beiden anzumerken. Und eine große Portion Neugier, denn jedes Zaunstückchen, die Palisaden, die Verkehrsschilder, die Parkbänke, Mülleimer – einfach alles entlang der Straße wurde erst mal genau angeschaut und untersucht. Vorwärtsgekommen sind wir dabei nicht… Aber wir wollten den beiden die notwendige Zeit geben, denn sie sollen ja was Lernen dabei.

Einen kleinen Dämpfer gab’s dann doch, als Ferdinand seine Nase direkt über einem Gullydeckel parkte und dann gaaanz tief Luft holte. Folge: ein heftiger Satz rückwärts und wildes Schütteln. Man riecht auch nicht am Abwasserkanal…

Die Begegnungen mit den anderen Spaziergängern auf der Straße waren zuweilen richtig interessant. Hunde an der Leine sind gängiges Bild, bei Pferden hingegen wird dann schon mal nachgefragt. Dabei sehen die beiden doch wirklich ganz wie ein Pferd aus, sollte man erkennen können. Vielleicht war’s ja auch nur der Versuch, ins Gespräch zu kommen…

Wir haben dann die Straße wieder verlassen und sind zum Flüsschen rüber gelaufen. Am Ufer entlang gibt’s einen kleinen, befestigten Fußweg und der war – doof für unsere Winterpelze – so ähnlich schön vereist, wie der Waldweg vor ein paar Tagen. Doch die beiden hatten dazugelernt. Ein kleiner Rutscher ab und zu, aber es war schon viel besser als beim ersten Mal Eispistegehen. So sind wir unfallfrei den Weg entlang gelaufen bis zu einer Straßenbrücke, die über den Fluss führt.

So eine Brücke kannten die beiden bisher nicht, aber Ferdinand hat gelernt, dass es immer da sicher ist, wo ich vorausgehe. Also sind wir rauf auf den schmalen Gehweg, und ich habe Ferdinand kurz am Geländer schnüffeln lassen – bis er feststellte, dass es dahinter ziemlich tief runtergeht. Der Schreckmoment war zum Glück sehr kurz. Ein kleines „komm“ reichte aus, und mein Pferd lief brav hinter mir her. Dabei schien der Kiessplit auf dem Weg eher interessant zu sein als der rauschende Fluss unter der Brücke oder der Verkehr auf der Straße – beides hat er einfach ausgeblendet. Vielleicht lag auch Streusalz auf dem Gehweg, jedenfalls hatte ich ein staubsaugerähnlich schnuffendes Tier am Strick, die Nase immer dichte 1-2 Zentimeter über dem Boden und offenen Nüstern wie – ja, wie was denn? Erinnerte mich sehr an Maximus, das weiße Pferd in „Rapunzel neu verföhnt“ (von Disney). Der kann Fährten lesen, und bei meinem Pferd bin ich mir grad nicht mehr so sicher, ob der nicht vielleicht auch…?

Kurz nach der Brücke führt der Weg wieder am Bach entlang. Viel aufregender aber ist, was auf der anderen Wegseite ist – dort sind die Weiden eines großen Pferdehofs. Und wo viele Pferde auf der Weide waren, sind auch viele Gerüche zurückgeblieben. Ferdinand hat also wieder seine Nase in Schnüffelstellung gebracht und fast das Gras vom Boden eingesaugt – bis er, vor lauter Aufregung zwar erst sehr spät, dann aber doch, gemerkt hatte, dass man es ja auch fressen kann. Dachte schon, er hätte das endlich vergessen oder zumindest verdrängt. Nein. Und so hatte ich ein wenig zu tun, denn der Wechsel zwischen Fressen und Schnüffeln war nicht immer sofort erkennbar. Schnüffeln ist i.O., fressen sollte er eigentlich eigentlich nicht im Gehen. Bilde mir inzwischen ein, dass mein Pferd eine Mimik hat, und dass ich es tatsächlich erkennen kann, wann das Schnüffeln ins Fressen umschlägt.

So ging’s weiter, ein paar hundert anstrengende Meter entlang den Weiden des Pferdehofs, bis wir (endlich!) vor den Highland-Rindern standen. Echt imposante Tiere, die zwar niedrig, dafür aber reichlich breit gebaut und mit einer Wolle ausgestattet sind, die jedem Wetter standhält. Dummerweise sieht man den knuddeligen Vierbeinern nicht an, wie sie grad so drauf sind, also lieber ein wenig Abstand einhalten. Haben wir ja mit Corona inzwischen auch so gelernt.

Ray war recht misstrauisch gegenüber den Wiederkäuern während Ferdinand nur kurz geschaut und dann – nach einer ruppigen 180°-Wende – die Wartezeit mit Fressen verbracht hatte. Er kennt Rinder schon von Geburt an, weil seine Box unter dem gleichen Dach wie die der Kälbchen stand. Die erwachsenen Mutterkühe waren auch nur ein paar Meter weg, er war also fast schon mittendrin. Die Highlander haben ihn also wenig interessiert, dafür hat Ray besonders genau hingeschaut. Er kennt diese Tierart nicht so richtig, und jetzt steht so ein massiger Rothaariger mit fast 1,20 m Hornbreite und ein paar hundert Kilo Kampfgewicht auf einmal vor ihm, nur getrennt durch einen popligen Draht des Zauns. War wohl nicht besonders vertrauenserweckend. Nach ein paar Schreck- und weiteren Beobachtungssekunden hat Ray es dann vorgezogen, sich hinter Julia herum auf den Rückweg zu machen. Ferdinand (weniger) und ich (umso mehr) sahen darin eine gute Idee, zumal mein Nimmersatt inzwischen ein richtiges Loch ins Gras gebissen hatte – und es ist nicht unsere Wiese…

Auf dem Rückweg lief’s dann zügig und unspektakulär, bis beide eine Zeitung auf der Straße fanden – so ein niedlicher Haufen halb gefrorener Pferdeäpfel. Großes Geschnuffel rund um den Haufen, dann die Erkenntnis, dass er weder von Ray noch von Ferdinand stammt. Würde mich mal interessieren, was andere Leute sagen würden, wenn ich…. nee, lassen wir das. Bei Pferden scheint das dazu zu gehören.

Auf dem eisigen Rückweg trafen wir dann noch ein Ehepaar und ich wurde gefragt, ob das ein Jährling sei, was da so ungeduldig am Strick zappelte. Irgendwie war ich noch im letzten Jahr verhaftet und sagte unüberlegt „Nein, erst im April“… Mich bringen mich die paar Urlaubstage völlig aus dem Tritt. Wir sind dann wieder über die Brücke, zurück durchs Dorf, und durften wieder erklären, dass das Pferde sind (und keine Hunde). Ferdinand hat sich dann noch ein paar Mal an den Kanaldeckeln versucht (wobei das Ergebnis immer dasselbe war) und schließlich waren wir wieder an einer Kreuzung, die die beiden schon kennen.

Normalerweise kann ich ab hier mit den beiden die letzten Meter zu Stall antraben, heute aber war die Luft völlig raus. Ob’s jetzt an der Knaldeckelaktion lag oder an dem Stress bei den Rindern – ich weiß es nicht. Hab’s dann nach dem zweiten Versuch sein lassen, und ehrlicherweise fand ich’s nicht so schlimm, denn wir waren schon eine ganze Weile unterwegs bis dahin.

Meine Beine sind auch nicht mehr die jüngsten…

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