Das böse Auge und der erste Streit

Musste ja mal so kommen, und heute war es dann soweit. Bin zum ersten Mal so richtig mit meinem Pferd zusammengerauscht, aber der Reihe nach.

Die Sonne war heute strahlend hell, und es war eigentlich ein schöner Tag. Nur der eiseskalte Ostwind zog uns beinahe die Haut vom Gesicht, als wir aus dem Auto ausstiegen. Zu unserer Freude hatten uns unsere zwei schneeweißpelzigen Vierbeiner gleich erkannt und sie kamen sogar freiwillig zu uns her. Kann aber auch den Möhren liegen, die Julia immer in den Taschen stecken hat…

Wir hatten den beiden danach eine kleine Portion Müsli in zwei Schüsseln abgefüllt, und beide waren mit der Zwischenmahlzeit so beschäftigt, dass wir uns in Ruhe das Auge meines Schwarzwälders anschauen konnten. Ferdinand hatte schon seit zwei oder drei Tagen ein unbändiges Verlangen, sich an mir zu scheuern. Oder am nächstgelegenen Baum, wahlweise auch am eigenen Bein. Wir hatten uns über dieses Verhalten nicht besonders gefreut, und den Kleinen deshalb (leider) auch geschimpft und ferngehalten.

Zuerst war nichts zu sehen, was dieses Verhalten hätte erklären können, doch heute war das Fell ums Auge zur Nase hin leicht verschmutzt und verklebt. Nun wussten wir, warum der Rüpel doch keiner ist. Entschuldige bitte, Ferdinand.

Wir wanderten dann trotz des eisigen Winds los. Unser Ziel war die naheliegende Bundesstraße, an der entlang (natürlich mit großem Abstand) ein für uns noch unbekannter Weg verläuft. Auf die Reaktion unserer Pferde waren wir gespannt, weil sie zwar Autos kennen, aber nicht die so schnell fahrenden.

Durch’s Dorf hatte ich ein ein ziemlich lahmes Pferd am Haken. In etwa so eins, wie es sie für kleine Kinder gibt, aus Holz und mit Rädchen drunter zum Hinterherziehen. Dabei war es nicht mal die Neugierde, die meinen Kleinen einbremste. Irgendwas war aber los.

Szenenwechsel. Kaum aus dem Dorf raus, war’s vorbei mit der Gemütlichkeit. Und erst jetzt, so in Ruhe und beim Schreiben, fällt mir auf, wie präzise genau der Umschwung der Laune mit dem Ortsrand zusammenfiel. Faszinierend, woher mein Pferd weiß, wie ein Ortsschild aussieht… Ein tiefes, zufriedenes, kurzes Wiehern zeigt mir sehr zuverlässig an, dass es meinem Pferd jetzt Spaß macht. Nun ja, wir hatten in dem Moment wohl zwei unvereinbare Ansichten von Spaß. Während ich nach den Eisplatten auf dem Weg Ausschau hielt, hat mein Pferd die Griffigkeit der verschneiten Wiese zum kurzen Sprint genutzt. Einbremsen und kurz (an)halten. Mehrfach…

Hat auch eine Zeit lang funktioniert, und als wir den Parallelweg zur Bundesstraße erreicht hatten, sind wir losgetrabt, weil sich die Neugier an den schnell vorbeifahrenden Autos so in Grenzen hielt, dass es sich nicht lohnt, von Neugier zu schreiben. Also, dann Kommando vorwärts. Ferdinand ließ sich nicht lange bitten und stieb mit freudiger Wonne, aber leider ohne Rücksicht auf meine immer länger werdenden Arme ein wenig (arg weit) voraus. Also wieder einbremsen. Und nochmals Autos gucken. Doch der tiefe Schnee war das bessere Erlebnis, weitergehen.

Das schöne an meinem Pferd ist, dass er (noch?) damit zufrieden ist, wenn er ein paar hundert Meter traben durfte. Tut auch mir gut, muss ich zugeben, und die möglichen Strecken werden immer länger. Doch irgendwann war der Weg plötzlich zu Ende, und wir mussten anhalten, um nachzuschauen, wohin wir nun gehen könnten. Während Julia und ich auf die bunte Karte auf dem Display ihres Mobiltelefon starrten, machten unsere beiden Rasenmäher die Wiese sauber, auf der wir gestrandet waren. Schnee weg, Gras weg, nächste Stelle. Sehr effektiv, die Jungs.

Die Karten-App des großen amerikanischen Internetgiganten riet uns zur Umkehr, und mangels Alternativen und angesichts des immer heftiger beißenden Winds (und der inzwischen schneekalten Füße) wollten wir diesem Rat folgen. Das ging nicht gleich, weil unsere beiden Pferde am Boden festgefroren waren. Lag vielleicht auch am gerade erst mühsam freigelegten Grasfeld, da kann man nicht einfach los, bevor’s nicht abgefressen ist!

Ray hat sich nach kurzer Zeit als Erster loseisen lassen und lief mit Julia schon los. Mein stures Pubertier war nicht so kooperativ.

Wie streitet man sich mit seinem Pferd? Auf diese Frage war ich nicht vorbereitet. War bisher auch kein Bedarf dazu, also schiebt man so ein Thema erst mal auf die lange Bank. Aber nun wäre dieses Wissen Gold wert gewesen. Los ging’s mit einer mürrisch an der Leine zerrenden Plüschkugel, die sich immer mehr in Rage stolperte und buckelte und schließlich sogar nach mir austrat. Ging weit daneben, weil ich mich gerne neben meinem Pferd aufhalte. Meine Reaktion kam leider ohne nachzudenken direkt aus dem Reflex, in Form eines kräftigen, spitzen Ellenbogens in die linke Seite meiner inzwischen tobenden 200-Kilo-Unwucht.

Das hat es nicht gerade besser gemacht…

Wenn Ferdinand auf Schnee steht, und der Boden ist uneben, merkt man sehr schnell, dass er noch nicht soo sicher steht. Vor allem nicht dann, wenn man in gesteigerter Wut nach mir austreten, gleichzeitig sich drehen und dabei auch noch wie wild mit dem Kopf schleudern möchte. Irgendwie konnte ich ihn dann so stabil am Halfter packen, dass er wenigstens nicht umfiel, denn das wäre auf dem unebenen Gelände vielleicht nicht gut ausgegangen. Leider sind mir dann in dieser ungewohnten Situation auch noch ein paar laute Worte entfleucht. War auch nicht gerade deeskalierend. Zum Glück kam der Verstand wieder.

Ich weiß noch immer nicht, ob ich nur ein paar Sekunden oder gar ein paar Minuten versucht hatte, ein Pferd von mir wegzuhalten. Irgendwann aber habe ich einfach ganz normal mit ihm geredet. Wie lange? Keine Ahnung, aber es hat funktioniert und er wurde ruhiger. Naja, zumindest so ruhig, dass wir weitergehen konnten. Leider hatte sich die Unruhe unserer Auseinandersetzung nun auch auf Ray übertragen, und wir mussten mit zwei sehr aufgekratzten Pferden die letzten paar hundert Meter bis zum Dorf zurücklegen.

Dann passierten wir das Ortsschild und klick -Szenenwechsel! Oha! Ist mein Pferd überhaupt noch da? Ja, ist er, und er läuft gerade freundlich und aufmerksam wie immer neben mir her, als wäre nichts gewesen. So manches auf der Welt möchte ich noch verstehen lernen, dieses Phänomen gehört zu den Top 3. Keine zwanzig Meter hinterm Schild war aus der gerade noch so aufgewühlten Pferdeseele eine ruhige Pferdeseele geworden. Wie auch immer.

Gleichzeitig überrascht und platt sind wir dann den Dorfweg entlang getrottet, zurück zum Stall. Und wie jedes Mal, wenn wir die letzten Meter vor dem Zauntor vor uns haben, verfallen unsere beiden in eine Art Dornröschenschlaf. Nix geht mehr vorwärts. Da sind die beiden wie die kleinen Kinder, die, je näher das Zuhause rückt, immer langsamer werden, weil der Spielplatz in immer weitere Ferne rückt und man doch so gerne noch weiterspielen wollte. Darüber war ich heute ausnahmsweise froh, denn die Aktion draußen im Schnee saß (und sitzt mir jetzt noch immer ein wenig) in den Knochen.

Auf den nächsten Spaziergang bin ich sehr gespannt. Und besser vorbereitet…

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